Die Sache mit der Grenze

Neulich beim Blättern einer Zeitschrift findet mich der Satz: „Nur was begrenzt ist, lässt sich füllen.“

Und Faszination wechselt sich mich Abwehr ab. Immerhin bin ich in der DDR geboren und da war Begrenzung erzwungen. Seitdem gehe ich diesen Worten nach und bemerke wie die Sache mit der Grenze allgegenwärtig ist.

  • Morgens wenn meine Tochter Lene keine Jacke anziehen mag. Und ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen kann, da nun wirklich Herbst geworden ist.
  • Im Coaching-Gespräch, als mein Klient spürt, dass er grenzenlos verfügbar ist. Weil er so oft „Ja“ sagt, obwohl er „Nein“ meint.
  • In der Auftragsklärung mit einem neuen Kunden für eine Teamentwicklung. Als er über Abteilungsgrenzen hinweg Teammitglieder aus Nachbarabteilungen integrieren möchte.
  • Im Auto, als ich während der Fahrt „kurz mal eben“ Mails abrufe und mich nicht auf das Autofahren begrenze.
  • Abends in der Tagesschau als immer gleiche Berichte über Grenzverletzungen im Westjordanland laufen.

Nun frage ich mich, wie viel Abgrenzung wichtig ist? Wieso Menschen immer wieder an ihre Grenze und darüber hinaus gehen? Was das Gute an Begrenzung ist?

Und das in einer Zeit, in der wir durchlässigere Grenzen haben, als jede Generation vor uns.

Interessiert Sie meine Antwort?

Entwicklung findet an der Grenze statt.

An der Grenze gibt es Konflikte, an der Grenze üben wir verhandeln, an der Grenze entdecken wir Neuland, an der Grenze bekommen Gefühle Raum, an der Grenze wird es oft eng. Das nennen wir dann Grenzerfahrungen. Und tatsächlich können in diesen Gefühlsräumen neue neuronale Verbindungen, neuronale Bahnen, entstehen. An Grenzen können wird uns verändern.

Wenn wir davon ausgehen, dass es keine Grenzen mehr gibt und alles grenzenlos verfügbar wäre, wo käme dann der Antrieb her, sich zu entwickeln, Neues zu lernen und andere Wege zu finden? So möchte ich den Satz vervollständigen:

Nur was begrenzt ist, kann man füllen. Und das was gefüllt ist, kann überlaufen und sich einen neuen Weg bahnen.

Also gehen Sie auf Spurensuche! Wo würde Ihnen eine Grenze mehr Freiheit geben?

Nadine Teichgräber

2 Kommentare

  1. „Nur was begrenzt ist, kann man füllen“…. Ein schöner Satz, der sofort ein klares und für mich stimmiges Bild in mir aufsteigen lässt.

    Seitdem mein eigenes Bewusstsein für Grenzen vor einigen Jahren geweckt wurde, entdecke ich regelmäßig neue Formen und Wirkungen. Bei mir und anderen.
    Ich habe festgestellt:
    „Es beginnt mit dem Bewusstsein für Grenzen und Wirkung“
    „Entwicklung und Veränderung braucht (m)eine klare Grenze“
    „Eine Grenze kann, abhängig von Ihrer Ausgestaltung, trennen oder auch verbinden“
    “Grenzerfahrung fällt leichter, wenn ich das in der Verbindung mit nahestehenden Menschen machen kann, die von Grenzen wissen“.

    Nach Jahren der unbewussten Grenzenlosigkeit – privat und im Business – übe ich heute eine Freiheit, die mir der bewusste Umgang mit Grenzen gibt. Ganz praktisch mitten im Leben und sowohl in der Verbindung mit mir als auch in Beziehungen zu Anderen.

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